Der Fanticker – Geschichte des Niedergangs

17. May 2012 14:29

In der Startaufstellung des FC Luzern: Andreas B., FCL-Fan seit er denken kann, der noch kein Titel mitfeiern konnte und dementsprechend top motiviert ist. Ausrüstung: United Supporters-Cupshirt, USL-Cupschal.

Mittwoch, 16. Mai, 16.40 Uhr

Minute 1′: Ankunft beim Bahnhof Luzern. SBB-Ticketschalter. Beide Extrazüge sind ausverkauft. Kaufe normales Billet für 77 Franken. Frage SBB-Fau, ob einsteigen im Extrazug trotzdem möglich sei. Ja, sei es, werde aber bestimmt ziemlich voll. Egal, so schnell wie möglich nach Bern.

7′: Kaufe zwei Burgers bei McDonalds. Es regnet in Strömen. Verschlinge die Burgers während dem Rennen auf den Extrazug. Der ist jetzt da.

8′: Einsteigen in den Extrazug. Ja, doch, ziemlich voll. Finde einen Platz neben einer Teenie-Mutter, ihrem deutlich älteren Mann und dessen Vater. Eine skurrile aber freundliche Truppe. Sie geben mir eines ihrer Biere. Danke, genau das habe ich jetzt gebraucht. Prost.

16′: Fahrt verläuft ruhig. Keine Fangesänge. Es werden Diskussionen geführt. Ich schweige. Themen: Biersorten: (Eichhof: bestes Bier der Erde und des Universums überhaupt, Apenzeller-Bier: Geht auch, Gurten-Bier: Pfütze, Feldschlösschen: schlechtestes Bier der Erde und des Universums überhaupt, Bisi-Wasser) Frauenwitze (Weisst du, Männer fehlt ein Gen. Welches? Sie sehen den Staub einfach nicht) Schweiz: Der Schweiz geht es gut. Dank des Sozialsystems.

70′: Ankunft in Bern – Ostermundigen. Wer Bier oben reinfüllt, muss es unten auch wieder rauslassen. Pinkelkette bei einem Schrebergarten. Lecker Salat morgen. Muss auch dringend pinkeln. Denke an den Garten meiner Eltern. Habe Mitleid. Lass es sein. Fussmarsch durch Bern zum Stadion Wankdorf. Einige Basler haben ihre Autos auf der Marsch-Route geparkt. Das ist mutig, aber nicht sonderlich intelligent. Autos werden mit FCL-Kleber zugeklebt. In Bern scheint die Sonne. Laufe zügig. Will jetzt vor dieses Stadion. Bier. Bitte.

18.30 Uhr

90′: Ankunft Stade de Suisse in Bern. Sehe ein blau-weisses Menschenmeer vor dem Stadion vor mir. Müssen Tausende sein. Stimmung ist friedlich und ausgelassen. Perfekte Abendsonne. Eine Musikkapelle spielt Lieder, Zwischendurch werden Fangesänge angestimmt. Will jetzt ein Bier und kriege auch eines. Gut. Prost 2.

100′: Es macht das Gerücht die Runde, dass es im Stadion nur alkoholfreies Bier gibt. Entsetzen.

101′: Sehe den FCL-Fanarbeiter. Frage ihn, ob am Gerücht was dran ist. Er habe das auch gehört, wisse aber nicht genau Bescheid.

103′: Rufe Kumpel an, der schon im Stadion ist. Frage ihn, ob er vom Alkoholverbot wisse. Er weiss von nichts.

105′: Gut, dann also ins Stadion. Einlasskontrolle erstaunlich lasch. Nur Ticket-Kontrolle. Kein Abtasten, kein Durchsuchen nach Pyros, nichts. Blicke auf die Getränketafel des Verkaufstandes. “Feldschlösschen (Alkoholfrei)”. Motherfuckers. Erblicke einen Carlsberg-Stand, der irgendwie improvisiert aussieht. Keine Alkoholfrei-Schilder. Gut. Nein, auch das Carlsberg-Bier hat keinen Alkohol drin. Offensichtlich denkt der Schweizerische Fussballverband, dass sie damit allfällige Randale verhindern könnten. Sie haben nichts, aber auch gar nichts begriffen. Sippenhaft, back to Mittelalter.

110′: Frage einen Steward, ob ich diese Hölle der Entsagungen auch wieder verlassen und später zurück kehren kann. (Denn vor dem Stadion wird tatsächlich normales Bier in rauen Mengen ausgeschenkt. Ich sehe die Logik dahinter nicht.) “Willst einen saufen gehen, was?” sagt der Steward und lächelt. Wir verstehen uns. Ja, das Verlassen sei möglich. Einfach Ticket ausscannen und später wieder einscannen. Gottseidank. Schnell raus.

115′: Kaufe zwei Biere. Wenn schon, denn schon. Fussballspiele sind wie Konzerte, betrunken sind sie einfach besser.

117′: FCB-Präsident Heusler kämpft sich durch die FCL-Fans. Sympathisch, der Typ. Es folgen nur ganz wenige Schmährufe. Heusler ist beliebt, auch bei den FCL-Fans.

135′: Drei Biere getrunken. Burgers schon längst verdaut, quasi auf leeren Magen. Gut, jetzt kann es langsam los gehen.

145′: Rückkehr ins Stadion verläuft problemlos. Suche Kumpel. Finde mich im Sektor D11 – Balkon ein. Nicht gerade mitten unter den Ultras, aber immer noch nahe genug, um mitsingen zu können. Finde auf meinem Sitzplatz ein A3-grosses, weisses Plastikstück mit einer Anleitung. Aha, es ist eine Choreo geplant. Geniesse die Atmosphäre. Sonne scheint ins Gesicht.

20.27 Uhr

227′: Choreo wird gestartet. Halte das weisse Teil in die Höhe. Habe keine Ahnung, wie das Ganze aussieht. Wie ich später sehe, sah es so aus.

230′: Anpfiff. Singe lauthals mit. “Allez Lozärn allez, ohohohoooooo, nor emmer met der go, för dech sengend ide Korve schtoh.” Aufregung jetzt riesig. Gute Startphase. Luzern macht Druck. Endlich mal ein Offensivgewitter, hat man so in der Saison nur ganz selten gesehen.

247′: Jaaaa, uuuuuuuuhhh, nein!!!! Riesenchance von Fereirra. Kämpfen Jungs, kämpfen. FCL spielt noch immer dominant.

277′: Halbzeit. Uff. Tolle Leistung des FCL. Man will den Pot unbedingt holen. Gehe aufgrund der Biersituation eine Cola holen. Dazu gibts eine Rauchwurst. Naja, hatte schon bessere.

293′: Spiel geht weiter. So, jetzt aber. Tor muss her. Pyros werden gezündet, die ganze Kurve brennt. Rauch beisst ein bisschen in der Lunge. Muss husten. Cola hilft.

302′: Niederschlag. Schock. Fassungslosigkeit. Tor für Basel. Huggel köpft ihn rein. So klingt es also, wenn gegenüber 7000 Menschen jubeln. Eine gewaltige Lärmwand der Basler, deren Kurve, man muss es neidlos eingestehen, wieder mal während des ganzen Spiels Ramba-Zamba macht. Fassungslosigkeit löst sich langsam auf. Egal, weiter Jungs, auf gehts, Luzern schiesst ein Tor! Nein, heute resigniert die Luzerner Kurve nicht. Nicht wegen einem Tor.

308′: Gygax kommt für Hochstrasser. Oh Gygax, du Indie-Rocker der Superleague. Du Mario Basler des FCL. Ich mag dich. Bitte schiess ein Goal.

315′: Toooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooor für den FCLLLLLLLL. Buuum, und dann explodiert die ganze Kurve. Ich schreie, schreie so laut ich kann, packe meinen Kumpel, packe fremde Leute um mich herum und schüttle sie durch und schreie sie an (Eine kleine Marotte von mir. Bei Toren muss ich Leute packen und sie durchschütteln und anschreien.) Puljic, du Hüne, danke. So, jetzt sind aber alle wach. Auch die Sitzplatz-Fans stehen nun zwischendurch auf.

338′: Rudelbildung. Gygax legt sich mit Xhaka an. Gygax hat bis jetzt nicht viel gezeigt. Schade. Come on.

340′: Spielende. Verlängerung. Die Nerven am Ende.

350′: Ich würde mich als durchaus emotionalen Fan bezeichnen, der auch gerne mal mitschreit. Aber so habe ich mich dann auch noch nie erlebt. Bei Schiri-Fehlleistungen (und die gab es an diesem Abend leider oft) bin ich immer kurz davor, aufs Spielfeld zu stürmen. Habe jetzt die Kapuze des Kaputzenpullovers hochgezogen. Als ob die mich ein wenig emotional vom Spielgeschehen fernhalten könnte. Es steht viel auf dem Spiel. Zwanzig Jahre ist es her, seitdem der FCL einen Kübel nach Hause nehmen konnte. Und jetzt ist er so nah, wie schon lange nicht mehr. Eine ganze Kurve, eine ganze Region fiebert nun mit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich diese geballte kollektive Energie aufs Spielfeld überträgt. Man spürt es in der Luft. Die Verlängerung, ein Drama, die Spieler sind am Ende. Krämpfe, sie laufen auf dem Zahnfleisch. Dann ist es klar. Penaltyschiessen. Was für ein Dreck. Besonders dann, wenn man 120 Minuten lang die bessere Mannschaft war.

353′: Stadionsprecher betont, dass man eine “würdige und geordnete Feier abhalten will” und dass es streng verboten sei, das Spielfeld nach dem Schlusspfiff zu betreten. Organisierte Emotionen, zum Kotzen. Natürlich ist es ungünstig, wenn Dinge wie in Düsseldorf passieren. Aber ey, man will doch mit der Mannschaft feiern. Schade. Wohl wegen den Vorfällen in Düsseldorf nun endgültig unmöglich.

355′: Penalty-Schiessen wird vor unserer Kurve ausgetragen. Sehr gut. Fangesänge: “Zibung, Davide Zibung, du besch so gross, du besch so stark, du hausch sie alle um.” Na, hoffentlich. Yapi trifft, Renggli auch, Streller – natürlich – auch. Ohayon, meine Güte. Sackschwach. Sommer hält. Mulmiges Gefühl in der Magengegend. Zoua trifft, Gygax souverän. Reisst die Hände in die Höhe, fordert die Kurve auf, lauter zu werden. Dann kommt Shaqiri. Ohrenbetäubende Pfiffe, Buhrufe. Auch ich halte mich nicht zurück. Shaqiri ist ja mittlerweile noch unsympathischer als Alex Frei. Shaqiri trifft und reagiert so, wie ein Shaqiri halt reagiert. Dreht den FCL-Fans den Rücken zu und zeigt auf seinen Namen. Wir haben verstanden, du kleiner arroganter Zwerg. Mögest du in Bayern den Misserfolg deines Lebens feiern, als kleine Charakterschulung.

360′: Stahel gegen Sommer —- Showdown. Habe beide Hände über dem Kopf zusammen gefaltet und kann nur noch durch einen kleinen Schlitz mit einem Auge aus der Kapuze sehen. Ich will jetzt die Realität von mir weg haben. Stahel scheitert. Fuck. Schockstarre. Leere. Will mit niemandem reden. Laufe aus dem Block wie ferngesteuert. Sehe den Fanarbeiter. Der wandelt wie ein häufchen Elend umher. Wir sehen uns. Blicke sagen mehr als tausend Worte. Klopfe ihm auf die Schulter. Will noch immer nicht reden.

23.40 Uhr

390′: Draussen ist es kühl. Sterne sind zu sehen. Eine eigenartige Stimmung herrscht. Müssen zum Bahnhof laufen. 15 Minuten Fussmarsch. Eine kleine Trauerkarawane zieht durch Bern. Stille. “Hätte doch, Wenn nur”-Sätze sind zu hören. Langsam komme ich wieder ein bisschen runter. Adrenalin und Endorphine werden aus dem Blut ausgeschwemmt. Fühle mich erschöpft, ausgelaugt, müde. Wir kommen an den Basler-Autos vorbei. Sie wurden massiv mit Spucke eingedeckt. Speichel klebt an den Scheiben. Kommt schon, muss nicht sein.

410′: Steige in den Extrazug ein. Jetzt total am Ende. Döse kurz ein. Es war ein Abenteuer.

420′: Kriege ein SMS von einer Baslerin. “Ach irgendwie hätte ich es euch gegönnt… Ehrlich. Hättet was anderes verdient. Ihr seid mega fans :) .” Danke, das tut gut.

500′: Ankunft in Luzern. Schlummerbecher? Hm. Nein, zu müde. Jetzt schmeckt nicht mal mehr Bier. Ziehe zu Hause den Cup-Schal und das T-Shirt aus. Schlafen, bitte keine Albträume. Was für ein Tag, was für ein Spiel, danke FCL fürs Kämpfen. Immer treu, auch in Zukunft.

Hell / Iron Sky / The Avengers / Schwerkraft

15. May 2012 21:13
Filmkritik
 

Da hat sich ja Einiges gesammelt in letzter Zeit. Deshalb nur ein paar Sätze:

Hell

Ich bin ein grosser Fan von Endzeit-Filmen im Sinne von Mad Max und werde auch bald hier mal eine Liste mit meinen liebsten Post-Apokalypse-Filmen veröffentlichen. Speziell an Hell ist, dass es eine deutsche Produktion ist. Der Film spielt in der nahen Zukunft, in der die Sonne durch Sonnenstürme viel zu hell und stark leuchtet. Die Folge: Wenig Wasser, fast keine Nahrung, die Menschheit scheint dem Ende nahe. Wir begleiten eine Gruppe durch das fast ausgestorbene Deutschland.

Fand den Film eigentlich gut, auch wenn er etwas länger hätte sein können. Die Story war dann doch etwas zu schmal, kam letztendlich aber mit einer beklemmenden Wende um die Ecke. Endlich habe ich auch wieder mal einen Film mit Stipe Erceg gesehen. Die meisten kennen ihn noch aus “Die fetten Jahre sind vorbei”, da spielte er neben Daniel Brühl die männliche Hauptrolle.

7/10

Iron Sky

Hm. Ich musste paar mal ganz schön fest vor mich hin grinsen. Hatte ein paar bitterböse Jokes dabei. Gerade in Deutschland kam der Film ja nicht so gut an. Kommen Nazi-Humor-Filme in Deutschland prinzipiell nicht gut an? Ich weiss es nicht. Erstaunt war ich über die Tatsache, was man heutzutage schon mit relativ bescheidenem Budget schon an Special-Effects fabrizieren kann. Bitte mehr solche Low-Budget-Filme.

8/10

The Avengers

Genau so darf Action-Kino sein. Gute Story, witzig, gute Effekte. Nur dieses bescheuerte 3D nervte wieder mal. Liebe Filmemacher, verschwindet mit diesem 3D. Es braucht es nicht. Damit werdet ihr auch nicht verhindern, dass die Filme runter geladen werden.

8/10

Schwerkraft

Hier mein kleiner Geheimtipp. Ein deutscher Film durch und durch. Jürgen Vogel in der Hauptrolle, aberwitzige Geschichte, tolle Charakter-Darsteller, charmant, ach, die Deutschen wissen einfach, wie man Geschichten erzählt. Mitten aus dem Leben, so soll es sein.

8/10

 

Fear and Loathing in Emmenbrücke, Kapitel 1

22. April 2012 20:48

Wir fuhren gerade die Zentralstrasse entlang, als die Drogen zu wirken begannen. In meiner Wahrnehmung hatte sich unser Seat Ibiza zu einer Stretch-Limousine gedehnt, ich sass auf dem Beifahrersitz doch die Motorhaube schien sechs Meter von mir entfernt zu sein. In unseren Köpfen kämpften gerade Speed und MDMA um die Vorherrschaft, es war ein Fehler, beide Drogen gleichzeitig zu nehmen. Das Speed sorgte dafür, dass unsere Umgebung an uns vorbei schoss. So, als würde man einen Film vor spuhlen. Das MDMA bewirkte genau das Gegenteil. Es verlangsamte unsere Wahrnehmung, die Umgebung schien geradezu einzufrieren zu einem Gemälde, in das ich nun langsam einzutauchen schien und das mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelte, wie ich es bis jetzt noch nie verspürte.

Beide Drogen zusammen jedoch liessen die Umgebung dehnen. Es entstand ein Moment, wie er beim Starten des Raumschiffs Enterprise vorkommt. Dann nämlich, wenn die Enterprise auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, der Bug bereits hunderttausende von Kilometern im Weltraum verschwindet, während dem sich das Heck noch an Ort und Stelle befindet. Ich fühlte mich in dieser Situation nicht unwohl und trotzdem wollte ich dem MDMA zum Sieg verhelfen, also warf ich noch ein Stückchen ein.

Mein Fahrer verkraftete diesen Zustand weniger gut. Als ich zu ihm rüber sah, hatte er sich über das Lenkrad nach vorne gebeugt. Seine Nase berührte die Windschutzscheibe, seine Augen waren weit aufgerissen. “Was ist denn das für ein verfickter Scheiss”, schrie er. “Siehst du das auch? Die Srasse, wir rasen, scheisse, wir sind ausser Kontrolle!” Ich blickte auf den Tacho, der rote Tempo-Zeiger stand knapp hinter der 30 km/h-Grenze. Der Zeiger des Tourenzählers jedoch befand sich ganz rechts, am Anschlag, im roten Bereich. Wie ich bemerkte, hatte mein Fahrer lediglich in den 1. Gang geschaltet, das Gaspedal jedoch ganz nach unten gedrückt. So fuhren wir also mit einem lauten Röhren auf der Zentralstrasse entlang, hinter uns pustete der Auspuff wie eine Dampfmaschine weissen Rauch hinaus, der die hinter uns in einer Kolonne fahrenden und zugleich wild hupenden Autos umhüllte.

Ich kurbelte das Fenster runter, steckte meinen Kopf hinaus und schaute nach hinten in die weisse Abgaswolke. Fratzen tauchten darin auf, auch sie hatten das Fenster runter gekurbelt. Sie schrieen, zeigten den Fickfinger, sie wollten uns lynchen. Sie konnten jetzt nicht mit ihren aufgemotzen Prollautos mit 80 Stundenkilometern über die Seebrücke donnern und damit Mädchen beeindrucken. Das gefiel ihnen gar nicht. Ich schnappte mir eine der leeren Bierflaschen, die sich im Fussraum meiner Beifahrerseite stapelten und warf sie aus dem Fenster nach hinten. Dann noch eine. Und noch eine. Die Flaschen schlugen auf tiefer gelegte Frontspoiler auf, auf Frontscheiben, auf Motorhauben. Zwischen durch zerschellte eine auf dem Asphalt. Ich zielte nicht, ich warf die Flaschen einfach in diesen weissen Rauch hinein, so fest ich nur konnte. Die Kolonne stoppte. Die Proll-Fahrer stiegen jetzt aus. Die Fratzen im Rauch wurden nun bedrohlicher. Ich schrie meinen Fahrer an: “Schalten! schalten, verdammt, zweiter Gang!”  Die Dämonen kamen näher.

Zum Glück schien auch mein Fahrer den Ernst der Lage begriffen zu haben. Doch anstatt souverän den zweiten Gang einzulegen, packte er den Schaltknüppel mit beiden Händen und rüttelte wild an ihm rum. Die Prolls hatten nun zu unserem Auto aufgeschlossen. Ich konnte noch schnell genug die Zentralverriegelung runter drücken, bevor schon der erste nach dem Türöffner griff. Die Szene erinnerte ein bisschen an einen Zombie-Film. Fünf Typen standen um unser Auto herum, schlugen mit ihren Händen auf die Autoscheiben und rüttelten an der Türe. Nur sahen diese Leute nicht wie Zombies aus, sondern wie das komplette Gegenteil. Ihre Haut war gebräunt, ihre Haare sorgfältig mit Gel drapiert, sie trugen Shirts, die aussahen, als ob jemand drauf gekotzt hätte. Und doch wirkten sie als Gruppe – ähnlich wie Zombies – wie eine homogene Horde, dessen Ziel es ist, die Autoinsassen zu zerfleischen.

Mein Fahrer wurde jetzt noch hysterischer. “Die töten uns. Scheisse, was soll ich tun?” “Kupplung!” schrie ich ihn an. “Drück die verdammte Kupplung, ich schalte!” In einem für die Situation erstaunlich präzis synchronen Akt gelang es uns, die Kupplung in den zweiten Gang zu würgen. Das Auto machte einen Satz und beschleunigte langsam. 35, 40, 50 km/h, der Tourenzähler war wieder am Anschlag, der Motor liess das ganze Auto vibrieren. Doch die Proll-Zombies waren wir los.

 

Aggro-Ansage Nr. 2*

14. April 2012 00:16

Liebe Werbe-Fuzzis,

Euch, die nun wahrscheinlich jetzt gerade mit einem Röhrchen einen Cocktail schlürfen ohne wirklich einen Cock zu haben, möchte ich folgendes sagen:

Haltet uns doch bitte nicht für dermassen dumm.

Da schaue ich mir in Ruhe den Boxkampf von Felix Sturm auf Sat.1 an und was muss ich in den Rundenpausen ertragen? Eure geistigen Ergüsse. Und wenn ich mir die Spots so anschaue, muss davon ausgehen, dass ihr uns, das Publikum, als kleine Kinder sieht, denen man jeden, aber auch wirklich jeden Scheiss verkaufen kann. Ist euch das selber nicht peinlich?

Können wir uns nicht darauf einigen, dass Werbung doch irgendwie “cool” sein sollte oder zumindest lustig? Aber nein, eure Werbungen sind reines Kompetenz-Gewichse. Umschalten? Gute Idee, aber da verpasst man die Runden.

Noch schlimmer ist, dass ihr immer mehr auch Sportveranstaltungen im echten Leben verseucht. Muss wirklich die Auswechslung von Mc Donalds präsentiert werden? Müssen die YB-Spieler ausgerechnet aus einer riesigen Thomy-Senftube raus aus der Kabine aufs Spielfeld laufen? Nur weil es dafür ein bisschen Geld gibt? Könnte man nicht einfach ganz cool sagen: “Ey, hör mal zu. Ist ja ok, dass du dir zwei Tage überlegt hast, wie du den Spielertunnel irgendwie vermarkten kannst und dann plötzlich auf die Idee mit der Tube gekommen bist und ganz aufgeregt warst und es für DIE Idee gehalten hast. Aber weisst du, wir verzichten lieber auf das Geld. Weil, nunja, wir wollen uns ja auch nicht lächerlich machen, weil wir in Bern haben ja ein gelbes Dress und wenn wir da aus einer Senftube laufen, sieht das ja irgendwie für den Gegner zumindest sehr lustig aus und für uns sehr peinlich.” Macht man sich solche Gedanken?

Dann gibt es aber auch gute Fuzzis. Heineken-Fuzzis zum Beispiel. Klar habt ihr damals die grosse Klischee-Keule geschwungen, aber keiner hat bei der Werbung mit dem begehbaren Bierkühlschrank nicht zumindest geschmunzelt. Und alle haben von der Werbung geredet und sie wurde kopiert, weiter verarscht, weiter gesponnen – ein absoluter Traum für jeden Werber. Heineken, Axe, Pneu Egger, sind das die einzigen Firmen, die fähig sind, gute Werbe-Teams zu engagieren? Bitte nicht.

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Luzern (Party verboten)

5. April 2012 20:23

“Diese Geisterstadt, nun mehr dein Heimatkaff
Wo bis zum Leichensack jeder redet, keiner macht
Keiner schafft’s
Wände schweigen unerträglich laut
Jeder Traum steigt an Theken auf, platzt und fegt sich raus
Sind jung und schön, ungestüm und ungewöhnt
Zieh’n um die Ruinen, sind hier Könige, doch ungekrönt”

Caspar – Die letzte Gang der Stadt

 

Luzern, wir müssen reden. Ich liebe dich, aber wir haben gerade eine ganz schön grosse Krise miteinander. Luzern, hör endlich auf, dir die ganze Zeit Valium reinzuziehen. Anders ist deine Trägheit ja gar nicht zu erklären. Muss ich dir wirklich den Wasserturm in den Sonnenberg schieben, damit du endlich erwachst. Du bis fett und faul geworden. Lässt dich von Quartiervereinen beherrschen. Lässt dich von Leuten regieren, die wegen dem “Stadt-Feeling” hierher ziehen, sich aber dann beschweren, wenn es am Wochenende nicht so ruhig ist, wie in Ettiswil.

Luzern, verdammt, du Diva. Schön bist du ja. Und das weisst du auch. Ich kann ja damit Leben, dass du ein bisschen eine Touristen-Hure bist. Aber was ist mit uns? Ja, ich weiss schon, im Sommer wickelst du mich mich wieder um den Finger. Zeigst dich aufreizend, mit deiner Wagnerhaus-Wiese, mit deinem kristallklaren See, der von den Bergen umrahmt wird, mit den Menschen, die wie ausgewechselt auf den Hausdächern ihre Cocktails schlürfen. Dann ist richtig Leben in der Bude. Dann bist du en vogue.

 

Take Shelter / Sennentuntschi / Walking Dead

29. March 2012 19:56

Filmkritik

Take Shelter

Ein ziemlich ruhiges und dennoch äusserst intensives Psychodrama. Mochte diese ständige Pre-Gewitter-Sturm-Stimmung. Hat mich ein bisschen an die Atmosphäre von “A Serious Man” erinnert. In einigen Szenen brummte ein lautes “Fuuuuuuuuck” im Kopf.

7/10

Sennentuntschi

War zum Teil ein bisschen arg überdramatisiert. Und ich mochte Carlos Leal in seiner Rolle überhaupt nicht. Wirkte irgendwie komisch, zu gekünstelt. Das Sennentuntschi war gut gespielt. Für einen Schweizer Film ganz ordentlich.

7/10

The Walking Dead

“28 Days Later” in Serienform. Hab jetzt beide Staffeln durch, die Dritte soll im Herbst in den USA erscheinen. Es kommen zwischendurch immer wieder paar deftige Splatter-Zombie-Szenen vor. Da werden Köpfe abgehackt, gequetscht, zerschossen und zwischendurch immer gerne auch die Gedärme rausgerissen. Die Story hat zwar zwischendurch einen kleinen Hänger, zieht aber ganz schön rein. Ich bleibe dran.

8/10

Imperium/100 Bullets/Bushido

23. March 2012 21:41

Dass die Kategorie “Bücher” noch keinen Eintrag hat, liegt nicht dran, dass ich zurzeit keine Bücher lese. Ganz im Gegenteil: Ich lese momentan zu viele Bücher gleichzeitig und keines so richtig. So fällt dann auch eine Bewertung schwer.

Grundsätzlich kaufe ich zu viele Bücher, die dann rumliegen und irgendwann (hoffentlich) gelesen werden. Und ich kann auch nicht am Stocker in der Luzerner Altstadt vorbei laufen, ohne hinein zu gehen. Denn wenn ich mich vor etwas fürchte, dann ist es Langeweile. Da wirken die Bücherregale irgendwie beruhigend. Zudem riecht es im Stocker einfach extrem gut und es herrscht eine meditative Stille (bitte liebe Kleiderläden, nehmt dies zum Vorbild. Nix mit Bum-Bum-Nerv-Musik).

So widme ich mich also zurzeit folgenden Büchern, die ich zum Teil bis zur Hälfte gelesen habe oder bei denen ich erst am Anfang stecke:

“Imperium”

Ich habe bis jetzt alle Bücher von Christian Kracht gelesen. Kracht ist in meinen Augen so etwas wie der Lionel Messi der deutschen Sprache – ein Virtuose. Und auch in Imperium erzählt er immer ein wenig nah am Kitsch, wird aber nie kitschig. Auf die lächerlichen Nazi-Vorwürfe will ich gar nicht weiter eingehen. Ein aufgeplusterter Spiegel-Feuilletonist, der ein bisschen Aufmerksamkeit wollte. Süss.

“100 Bullets”

Mein erster Comic, den ich mir gekauft habe. Die Story lautet in etwa so: Stell dir vor, ein Fremder gibt dir eine Pistole, 100 Kugeln und einen guten Grund, jemand anderen abzuknallen, der dein Leben zerstört hat. Er garantiert dir dabei, dass die Kugeln nicht zurück verfolgt werden können und dass du ungeschoren davon kommst. Was machst du? Toll gezeichneter Ami-Comic. Habe mir bis jetzt 2 Bände reingezogen und werde mir wohl auch die restlichen kaufen. Nur schon deshalb, weil das Sammeln schöner Comics fast noch besser ist, als von Büchern.

“Der Bushido”

Nein, das hat nichts mit dem schlechtesten Rapper zu tun, den Deutschland je hervorgebracht hat. Es handelt sich dabei um den Ehrenkodex der japanischen Samurai. Wollte mich schon lange mit dem beschäftigen, da ich deren Kodex (Ehre, Mut, Güte etc.)  eigentlich noch ziemlich spannend finde. Ob sich daraus etwas für das eigene Leben ableiten lässt, wird sich zeigen.

Die gute Party

21. March 2012 19:40

 

 

Wenn die Frauen auf der Tanzfläche ihre Haarspitzen von einem Ohrläppchen zum anderen schlagen.

 

 

 

Drogen-Massage

10. March 2012 18:52

You and I are underdosed and we’re ready to fall
Raised to be stupid, taught to be nothing at all

I don’t like the drugs but the drugs like me
I don’t like the drugs, the drugs, the drugs

Marylin Manson – I don’t like the drugs (but the drugs like me)

 

Bei einer Massage lernt man so einiges, wie ich diese Woche feststellen konnte. Zum Beispiel, dass Beine Angst haben können. So sagte die Masseurin, dass sie deutlich spüre, dass mein rechtes Bein Angst hat. Es sei verkrampft, die Muskeln hart. Ich erklärte ihr dann, dass mein rechtes Bein völlig zurecht Angst hat. Wenn es nämlich noch einmal, also ein drittes Mal, auf die Idee kommt, sich das Kreuzband zu reissen, gibt es ordentlich Ärger. Dass Masseurinnen anhand der Muskeln erkennen, wie man was belastet oder eben nicht, kann ich nachvollziehen. Überrascht war ich von der Tatsache, dass sie auch über Organe durch Rumdrücken Bescheid wissen. So knetete die Masseurin auf meinem Bauch herum und sagte, dass sie deutlich fühle, dass ich genug trinke. Wenn man nämlich nicht genug trinkt, fühle sich der Darm hart an. Und wenn man drauf drückt, springe der zur Seite, weil das dem Darm gar nicht gefällt. Mein Darm wiederum lag da offenbar ziemlich relaxed herum und liess sich in aller Ruhe drücken. Braver Darm.

Auch stellte die Masseurin fest, dass ich Nichtraucher bin. Stimmt. Ich habe meine letzte Zigarette vor vier Jahren zum Song “Live Forever” während eines Oasis-Konzerts im Zürcher Hallenstadion geraucht (jaja, ein wenig pathetisch ist das schon.) Irgendwie fand sie durch das Betrachten meines Brustkorbers heraus, dass meine Lunge gut in Schuss ist. Beim Thema Rauchen blieben wir dann auch hängen, denn die Masseurin, ich kannte sie gerade mal 10 Minuten, offenbarte mir, dass sie auch Nichtraucherin sei, in ihrem Leben aber schon so ziemlich alles geraucht habe, was man rauchen kann. Leider habe ich mich, als grosser Verehrer der Serie “Breaking Bad”, in der die Droge Christal-Meth eine grosse Rolle spielt, nicht getraut zu fragen, ob sie dieses Zeug auch schon mal geraucht hat.

Stattdessen sagte ich, dass auch ich gegen einen guten Hasch-Joint früher nichts einzuwenden hatte. Jetzt, als cleaner Nichtraucher, der leider noch immer hochgradig suchtgefährdet ist, sei das, in Verbindung mit Nikotin, schwierig. Ja, Hasch habe sie auch sehr gerne, meinte die Masseurin, die schätzungsweise 50-60 Jahre alt war und in den 70ern wohl eine  schöne Hippie-Zeit verbrachte. Besonders den aus Indien habe sie am liebsten. Der sei so würzig.

So vergingen 50 Minuten schnell und ich hatte damit diese Woche ungefähr die fünfte Massage meines Lebens hinter mir. Es war okay, aber “wie neu geboren” fühlte ich mich nun auch nicht. Ganz anders sah das vor zwei Jahren auf den Malediven aus. Damals reiste ich für eine Reportage auf das Noonu Atoll. Auf dem Programm stand auch der Besuch des neu eingerichteten Spa-Bereichs des Iru-Fushi Hilton. Angeboten wurden ausschliesslich ayurvedische Massagen. Zuerst versuchte man mich von einer Massage-Technik zu überzeugen, bei der die Masseurin nicht mit den Händen, sondern mit den Füssen massierte. Sie steht, so erklärte man mir, auf dem Rücken und knetete so rum. Meine Skepsis versuchte man mit der Feststellung zu vertreiben, dass die entsprechende Dame gar nicht schwer sei, eher sehr leicht und klein. So sei ihre Massage eher ein Tapsen als ein Trampeln.

Da ich nicht glaubte, dass auch die zierlichste Masseurin mit ihren Füsschen die gleiche Feinmotorik wie mit ihren Händen hat, entschied ich mich dagegen. Stattdessen wählte ich die Massage mit dem Namen “Shirodhara”. Diese Form ist ein ayurvedischer Klassiker und besteht aus zwei Teilen. Der zweite Teil, eine klassische Massage ist nicht weiter spektakulär. Aber der erste Teil hat es wirklich in sich.

Der besteht nämlich aus einem abgefahrenen Stirnguss. Während etwa 20 Minuten läuft in Form eines konstanten und kleinen Strahls warmes Sesamöl auf die Stirn. Und zwar exakt etwas oberhalb an jener Stelle, an der die Augenbrauen zusammen wachsen. Das Öl läuft aus einem Gefäss, das etwa 30 Zentimeter über Stirn an einer Kette aufgehängt ist. Der Kopf ist ein wenig nach hinten geneigt, damit das Öl nach dem Auftreffen über die Haare weglaufen kann. Der Punkt, an dem das Öl auf die Stirn trifft, ist ein ganz spezieller. Gemäss der ayurvedischen Lehre befindet sich dort das “dritte Auge”, auch Stirn-Chakra genannt. Mit dem Öl kann man dieses dritte Auge öffnen. In diesem Bewusstseinsstadium wird Weisheit und Erkenntnis erlangt. Das Stirn-Chakra ist für die Intuition, die Wahrnehmung sowie Willenskraft und Erkenntnis verantwortlich.

Gut, so dachte ich, lassen wir also mein Stirnchakra öffnen und das Öl begann zu fliessen. Zuerst fühlte es sich einfach nur sehr angenehm und warm an. Nach etwa 10 Minuten fühlte man sich sehr leicht. Nach 15 Minuten fing es an dem Punkt, an dem das Öl auf die Stirn trifft, an zu kribbeln. Dieses Kribbeln breitete sich wellenartig über den ganzen Körper aus. Und exakt zu dem Zeitpunkt, an dem die Masseurin den Ölstrahl unterbrach, breitete sich ein regelrechter Rush durch den Körper aus, der gleichzeitig warm und kalt war. Das war aber noch nicht alles.

Nach der ganzen Behandlung war ich dermassen stoned, dass die Masseurin mich mit einem Lächeln an der Hand packte und mich erst mal zu einem Liegestuhl geleitete. Dort verweilte ich für weitere 30 Minuten. Meine Sinne waren mindesten doppelt so scharf, mein Kopf fühlte sich an, als ob von aussen Energie mit einem leichten Druck wellenartig durchs Hirn fliesst. Ich starrte dabei in den schön eigerichteten Garten des Ressorts und fühlte mich geerdet, ruhig und zufrieden. Mein Chakra war definitiv geöffnet. Nach etwa einer Stunde normalisierte sich mein Zustand wieder.

Erst kürzlich habe ich entdeckt, dass es auch in der Schweiz, nämlich im Asian-Spa in Zürich, eine solche Behandlung gibt. Vielleicht lasse ich mein Chakra noch einmal öffnen. Aber ich will ja nicht zum Ayurveda-Junkie werden.

Aggro-Ansage Nr. 1

4. March 2012 23:42

Euch, die während des Films im Kino ständig reden, die auch während Konzerten den Mund nicht halten können, möchte ich folgendes sagen:

 

Einfach mal die Fresse halten.

 

 

Ist es denn so schwer, einfach mal 120 Minuten nichts zu sagen? Gerade in diesen geschwätzigen Zeiten, in denen für die Menschheit bedeutende Ereignisse wie die erfolgreiche Herstellung eines Kuchens gleich der Welt mittels Facebook oder Twitter mitgeteilt werden? Fühlt es sich denn nicht einfach gut an, mal nichts sagen zu müssen? Ist es denn so schwierig zu begreifen, dass es beim Kino- oder Konzertbesuch eben darum geht, ein bisschen dem Alltag zu entfliehen, sich ein bisschen ablenken, bestensfalls verzaubern zu lassen?

Und dann sitzt ihr da, in eurem Kino-Sessel und es ist ja nicht so, dass eure verbalen Ergüsse nun irgendwie elementar zum Verständnis des Filmes beitragen würden. Nein. Ihr grunzt eurem Sitznachbarn irgendwelche Mutmassungen zu, weil ihr a.) entweder tatsächlich keine Ahnung habt, um was es im Film geht und auch überhaupt nicht bereit dazu seid, erst mal abzuwarten, ob sich im Verlauf des Filmes vielleicht das Rätsel lösen könnte oder b.) ihr peinlich berührt seid, weil auf der Leinwand gerade ein Kopf abgehackt oder noch schlimmer eine heisse Sexszene gezeigt wird. Das muss natürlich überspielt werden. Dass ihr dabei flüstert, ist total absurd, denn ihr seid euch ja offensichtlich doch im Klaren, dass Reden jetzt stören könnte.

Wenn ihr dann tatsächlich so schlau seid und ganz fest zu wissen glaubt, was nun gleich in der nächsten Szene passieren wird, dann behaltet das doch bitte für euch. WIR ANDEREN IM KINO WOLLEN DAS NICHT WISSEN. Schon gar nicht, wenn es absolut offensichtlich ist, was in der nächsten Szene gleich passieren wird.

Und warum zahlt ihr eigentlich für Konzerte Eintritt, nur damit ihr der Band NICHT zuhört? Ich werde es nie begreifen.

Heute war es im Film “Headhunter” besonders schlimm. Ich hatte zwischendurch das Gefühl, in einer Filmdiskussionsrunde zu sitzen. Und man überlegt es sich dann auch viermal, bevor man zum nerdigen Psssssst-Spiesser wird und die Leute zu massregeln beginnt. Deshalb:

Einfach mal 120 Minuten lang wortlos die meditative Wirkung eines Films oder Konzerts geniessen.

Danke.

 

Nachtrag: Headhunter fand ich sehr mittelmässig. Ging alles doch ein bisschen gar schnell, waren aber ein paar skurrile bis heftige Szenen zu sehen. (6/10)

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